Claude Verlinde
Claude Verlinde wurde am 24. Juni 1927 als Sohn flämischer Eltern in Paris geboren und begann sehr früh mit seiner künstlerischen Ausbildung. Er besuchte die renommierten Pariser Kunstschulen École nationale supérieure des beaux-arts und Académie de la Grande Chaumière.
Verlinde entwickelte sich zu einem Meister der visionären und phantastischen Kunst und beherrschte die altmeisterlichen Maltechniken perfekt. Dabei liess er sich von grossen Künstlern wie Hieronymus Bosch, Lucas Cranach und Francisco Goya inspirieren. Seine Werke zeichnen sich durch phantastischen Realismus aus und sind geprägt von einer symbolreichen Bildsprache, die poetische und philosophische Elemente miteinander verbindet.
Seit 1948 wurden seine Werke weltweit in bedeutenden Städten wie Paris, Tokio, Berlin und Venedig ausgestellt. Für seine künstlerischen Verdienste wurde er 1986 zum Ritter des Ordre des Arts et des Lettres ernannt und erhielt die Médaille de la Ville de Paris.
Claude Verlinde verstarb am 19. September 2020 in Paris und hinterliess ein beeindruckendes künstlerisches Erbe.
Claude Verlinde
Nach vielen Jahren beharrlichen Forschens in einer fernen, abweisenden Welt hat sich mein Enthusiasmus beschwichtigt.
Den Kopf vollgefüllt mit Bildern, durchstreifte ich ein ausgedehntes Feld von Formen auf der Suche nach der besten, meinem Geiste dienenden Ausdrucksweise. Meine natürliche Ängstlichkeit, verstärkt durch lähmende Begriffe, die wie Hagel auf meine Ernte fielen, liess mich anderswo nach Besserem suchen.
Aber all diese Jahre waren notwendig, um die Gewissheit zu erlangen, dass die Malerei nur ein Mittel ist für das Endziel, ihren eigentlichen Daseinsgrund; Denn, ist es nicht die höchste Aufgabe der Malerei, vor allem denjenigen zu dienen, die sie ausüben?
Wenn das Bild – als treuer Spiegel – genau den Rang einnimmt, den sein «Meister» im Sinn hatte, und somit auch zeigt, was ihm mit seinem Reichtum oder seiner Bedürftigkeit entgangen sein mag, dann ist es wahrhaftig menschenwürdig.
Am Ende des Weges erntet man das, was aus dem ersten Samenkorn entsprungen ist.
Man kann auch sein Vergnügen daran finden, farbige Masse mit einem Pinsel auszubreiten. Dieser behaarte Stock hinterlässt dabei Spuren, die die geringsten Impulse der Hand wiedergeben und damit der Farbe eine greifbare Existenz verleihen. Gleich einem Kinde, welches im Sand spielt oder im Kartoffelbrei die Furchen seiner Gabel betrachtet, kann ein jeder mit der Malerei die Freuden einer schmerzlosen Geburt entdecken.
Malen ist vor allem der Vergleich dessen, was man sieht, mit dem,
was man weiss.
Claude Verlinde ist – laut der Kritik – der pinselführende Künstler der Bewegung des «réalisme fantastique» in Frankreich. Er selbst definiert sich jedoch als ein visionärer Realist, dessen Vision die Realität unserer Welt ist. Seine Fantasie kann sich nur auf der Leinwand ausdrücken, wenn ihr das Tägliche bewusst ist.
Claude Verlinde ist nicht nur Maler, Gelehrter, Schriftsteller und Philosoph, beeinflusst von Nietzsche und Heidegger, sondern auch ein sehr geschickter Handwerker, der alle seine Rahmen selbst anfertigt. Wie ein Zauberkünstler ist er abwechselnd Tischler, Steinmetz,
Keramiker und vor allem Bildhauer. Seine Bilder entstehen langsam. Dort drängen sich seine Traumwelten, oft satirisch, immer fantastisch. Schöne, flatterhafte, verführerische Frauengestalten entweichen den Träumen, die sich in Albträume verwandeln, mit merkwürdigen Kreaturen, halb Mensch, halb Tier, unförmigen Früchten und Gemüsen, geheimnisvollen Gärten. Paare von Frau und Mann, Frau und Tier oder ihre Metamorphosen sind die bevorzugten Motive des Künstlers.
Auf seinen Bildern bemerken wir häufig Gegenstände wie Schleifen, Reissverschlüsse, Bänder, Leichentücher und Skelette, Symbole für die Vergänglichkeit der Zeit und der Unwichtigkeit unserer Existenz. Claude Verlinde sagt jedoch von seinen Werken,
dass sie nicht aus seiner Gedankenwelt entstehen, sondern dass sich Absurdität und das Groteske in seiner nahen Umwelt befinden. Aber angesichts seiner Bilder, voller Rätsel und Geheimnisse, können wir es nicht verhindern, dass uns Mythos und
das Unbewusste in den Sinn kommen. Für Claude Verlinde ist die scharfe Umrandung der Idee der Ausgangspunkt der Exaktheit einer Skizze. Sie geht ihr voraus. Die Ideen entfalten sich auf der Leinwand und sind die Quelle von Licht, Farbe und Harmonie. Sein Stift ist wie ein Skalpell, kein Detail entgeht ihm, wenn er seine Figuren schafft, manchmal spöttisch und gnadenlos, oft mitleidig und menschlich.
Die Werke des Künstlers befinden sich in der ganzen Welt – USA, Kanada, Japan und Europa. Er ist «Chevalier des Arts et des Lettres», hat aber alle anderen Auszeichnungen verweigert. Bekannte Intellektuelle und Journalisten sowie Industrielle sammeln seine Bilder.
Die Welt von Verlinde scheint wie ein Marionettentheater zu sein, wie er selbst von seinem Wandbild «Der Spiegel» sagt, ein Possenspiel, gehandhabt von seinem Pinsel. Das wahre Geheimnis seiner Kunst ist seiner Meinung nach nicht, was man ausdrückt, sondern, wie man es ausdrückt.
Um es bildlich zu sagen: Der Vogel soll verwandelt werden in einen anderen Vogel, noch mehr Vogel als er selbst. Für jene, die von einer anderen Welt träumen, sagt Verlinde: «Die unsrige enthält alles.»
Elisabeth Martinet von Hagen
Kunsthistorikerin
